Das große Westfenster

 Das größte Fenster unserer Kirche ist das Fenster über dem Turmportal  Es ist unten mit "Derix, Goch 1899“ bezeichnet. Seine Architektur entspricht dem gotischen Stil der Kirche. Die ganze Breite des Fensters ist durch fünf "Stäbe" -es sind Rippen aus Stein, vier schmale und eine breitere- in sechs Bahnen geteilt. Diese enden oben in dem sogenannten Maßwerk.

Das Maßwerk ist eine gleichsam mit dem Zirkel "ausgemessene" Ornamentik. Sie. wurde in der Spätgotik immer reicher und komplizierter ausgebildet und ist typisch für die hohen, gotischen Fenster.

Der Künstler hat für das große Westfenster ein einziges Thema gewählt, nämlich das Weltgericht. Das ist ein gewaltiges  Thema, wohl wert, in einem großen, umfassenden Gemälde dargestellt zu werden. Hierfür standen dem Glasmaler zwischen den senkrechten Stäben und den waagerechten sogenannten Windeisen, die der Befesti-gung des Glases dienen und für und für Fenster dieser Größe unentbehrlich sind.  6 x 11 quadratische Flächen zur Verfügung. Er hat die einzelnen Szenen mit den vielen Personen, Engeln und Menschen streng  symmetrisch auf die beiden Hälften des Fensters verteilt und den Raum bis zum äußersten ausgenutzt.

Genau in der Mitte des Bildes sehen wir, von einemgroßen Kreis in Regenbogenfarben umrahmt, die beiden größten Gestalten:

Jesus Christus in einem weiten, roten Chormantel als den Weltenrichter auf dem Thron seiner Herrlichkeit und Maria, die Muttergottes, in einem blauen Gewand neben ihm. Beide tragen hinter dem Haupt einen kreisrunden, großen Nimbus (Gloriole oder Heiligenschein) als Zeichen besonderer Hoheit und Heiligkeit. Um beide herum breiten sich Wolken aus, die auf den Himmel hinweisen. Christus sitzt da in erhabener, herrscherlicher Würde und setzt seinen Fuß auf die Erdkugel. Die Erde ist ihm untertan. Er ist der Herr, der König, der Weltenrichter.

Das Weltgericht, auch Letztes oder Jüngstes Gericht ge¬nannt, ist in der christlichen Kunst schon oft dargestellt worden. Dabei bildet immer der Weltenrichter Jesus Christus, meistens in der Gestalt des Pantokrator (=All-Herscher), den Mittelpunkt. In der Ikonenmalerei gibt es auch die Darstellung der sogenannten Deesis (=Bitte). Darin stehen Maria und Johannes, der Täufer, rechts und links neben Christus und bitten um Gnade im Gericht.

Hier im Westfenster von St. Felizitas aber konnte der Glasmaler dem Weltenrichter diese zentrale Stelle nicht geben. Das "Stabwerk" erwies sich als Hindernis. So sehen wir jetzt Jesus und Maria wie gleichberechtigt nebeneinander. Das die einmalige Macht und Größe des göttlichen Richters, die doch im Evangelium so sehr betont wird, wo es heißt "Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen“ (Mt 25, 31).

Auf unserem Bild muss man aber auch beachten, dass die Gottesmutter sich demütig und fürbittend Christus zuwendet, während dieser, die Rechte erhebend, in Hoheit und Würde geradeaus den Betrachter anschaut.
Ein echt biblisches Motiv ist in unserem Fenster die Darstellung der zwölf Apostel als Beisitzer des Gerichtes. Es heißt im Evangelium: "Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, werdet bei der Neugestaltung der Welt. wenn der Menschensohn auf dem Throne seiner Herrlichkeit sitzt, ebenfalls auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten." (Mt 19, 28).
Wir sehen die Zwölf oberhalb von Jesus und Maria im Halbkreis nebeneinander sitzen. Jeder Apostel ist je einmal durch seinen Namen, der mit dem Wort "Sanctus" (Heilig) in den Heiligenschein eingeschrieben ist, zum anderen durch das Attribut (meistens sein Marterwerkzeug), das er in seinen Händen trägt.
Die Apostel von links nach rechts:
 

  1. Petrus mit Schlüssel
  2. Johannes mit Giftbecher und entweichender Schlange (nach der Legende ein Gottesurteil in Ephesus),
  3. Jakobus der Ältere mit Pilgerstab und Muschel 
  4. Judas Thaddäus mit Säge,
  5. Andreas mit Schrägkreuz (X),
  6. Thomas mit langer Keule,
  7. Bartholomäus mit Messer.
  8. Matthäus mit Speer,
  9. Matthias mit Beil
  10. Jakobus der Jüngere mit recht kantigem Holz,
  11. Philippus mit Kreuzstab,
  12. Paulus mit Schwert.


Die Zwölfzahl der Apostel ist beibehalten, doch ist zu beachten, dass an die Stelle von Judas, dem Verräter, der Apostel Paulus getreten ist und an der Stelle von Simon Matthias steht, der auch nicht zu dem Zwölferkollegium gehörte. Was die Attribute betrifft, so wird in der Regel dem Judas Thaddäus eine Keule und Simon eine Säge zugeteilt.

Auf unserem Bild sind die Apostel in lebhafter Haltung dargestellt.  Sie sind die Thronassistenten des erhöhten Herrn und die Beisitzer seines Gerichtes.

Über dem Kreis der Apostel hat der Maler eine weitere Gruppe placiert, und zwar zehn fliegende Engel. Auch diese sind symmetrisch auf die beiden Fensterhälften verteilt. Sie tragen die Leidenswerkzeuge, die sogenannten 7 Waffen Christi (arma Christi), die man so  nennt, weil Jesus sie zur Besiegung des Teufels gebraucht hat. Je ein Engel träg: Geißel und Speer, drei tragen das Kreuz, zwei, dem Kreuz entsprechend, die Geißelsäule und wie der je einer einen Hammer mit Zange, Dornenkrone und Ketten. In der christlichen Kunst sind diese Dinge nicht nur als Erinnerungen an Christi Leiden und Sterben gedacht, sondern auch als Herrschaftszeichen, als Majestätssymbole des erhöhten und richtenden Herrn. Eben deshalb passen sie auch zu einer Darstellung des Jüngsten Gerichtes.

Nun wenden wir unsere Aufmerksamkeit der anderen Hälfte des Bildes, der eigentlichen Gerichtsszene zu. Wieder begegnet uns eine Gruppe von Engeln mit ausgebreiteten Flügeln und fliegenden Gewändern. Es sind vier Posaunenengel, die nach unten auf die Gräberfelder blasen und die Toten aus den Gräbern zum Gerichte aufwecken. Es heißt ja im Evangelium: "Er (der Menschensohn) wird seine Engel mit lautem  Posaunenschall aussenden, und sie werden seine Auserwählten von den vier Windrichtungen her zusammenbringen, von einem Ende des Himmels bis zum andern." (Mt 24, 31).

Die Gerichtsszene teilt sich deutlich in zwei Hälften. Links wird die große Schar der Seligen und ihre Verherrlichung gezeigt, rechts sehen wir die Verdammten vor der Hölle, ebenfalls eine große Schar, und ihre Verstoßung. Zwei große Engel mit weit ausgebreiteten Flügeln, von einem Wolkenband umgeben, sind gleichsam die Vollstrecker des Gerichtes. Der eine zeigt den Seligen das Buch des Lebens (Liber Vitae). Damit verkündet er ihnen ihre Berufung zur ewigen Seligkeit; denn in diesem Buche sind ihre Namen verzeichnet. Jesus sagt zu den Jüngern: "Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind." (Lk 10, 20). Der Ausdruck "Buch des Lebens" kommt in der letzten Schrift des Neuen Testamentes, der Geheimen Offenbarung des hl. Johannes mehrere mal vor. Es heißt zum Beispiel: "Wer sich nicht im Buche des Lebens geschrieben fand, wurde in den Pfuhl des Feuers geworfen“ (2n, 15). Der andere Gerichtsengel schwingt sein Schwert Über den Verdammten. Er verwehrt ihnen den Zugang zum ewigen Leben und verweist sie in die Hölle.

Doch zunächst zu den Seligen auf der linken Bildseite: (Der Weltenrichter hat sie zu seiner Rechten.) Eine ganze Schar von Engeln -hier sind es dreizehn- wieder mit weit ausgebreiteten Flügeln dargestellt, helfen den Seligen, zum Himmel zu gelangen. Mehrere Engel überreichen ihnen die Kronen, andere tragen die Seligen himmelwärts. (Im Hintergrund sieht man die Auferweckten aus den Gräbern  kommen.) Die Schar der Seligen ist im Vordergrund eng zusammengedrängt. Man erkennt einen Papst (mit Tiara) und einen Kaiser (mit Krone), beide in kostbaren Gewändern, weiter einen Bischof (mit sehr deutlichen Gesichtszügen) und einen Kardinal (mit rotem Hut), mehrere Qrdensleute, Männer und Frauen verschiedenen Alters. Besonders fällt (zu unterst in der Mitte) eine Frau in einem langen blauen Kleid auf, sie soll die Stifterin des Fensters sein: Gertrud von Voß aus Aldenhövel.

Das Gegenstück zu den Seligen bilden die Verdammten auf der rechten Seite des Fensters. Unten im Bild sind drei Engel tätig. Einer führt noch einen Mönch zu den Seligen hinüber, ein anderer stößt einen gekrönter Mann mit Gewalt zurück, und ein dritter in roten Gewand schlägt mit dem Schwert auf die Verdammten ein, um sie in das Feuer der Hölle zu treiben. Diese ist rechts unten durch rot glühende Flammen angedeutet, die aus dem Abgrund herauf schlagen. Zwei Arme recken sich aus dem Feuer heraus, ergreifen eine Frau an den Haaren und versuchen sie rücklings in den feurigen Schlund herabzuziehen. Neben  ihr bückt sich ein Mann und hält sich die Ohren zu, um den Lärm der Verzweifelten nicht zu hören. Alle Verdammten drängen wirr durcheinander. Einige gebärden sich fassungslos und zeigen entsetzte Gesichter. Im Hintergrund, etwas versteckt hinter der Menge, hat der Maler eine Tiara und eine Mitra mit ins Bild genommen. An Welchen Papst und Bischof hat er wohl gedacht?

Grauenvoll ist auch die Szene darüber. Wir sehen den Kampf zweier Teufel. Es sind scheußliche Ausgeburten der Hölle, von dunkelbrauner Farbe, halb Menschen, halb Tiere. Sie packen zwei Unglückliche und zerren sie in den Höllenpfuhl herab, während drei Engel von oben mit langen Stangen nachhelfen und die Unseligen hinunterstoßen.
Hier hat der Maler seine Phantasie reichlich weit schweifen lassen, um das Grauen der Hölle zu illustrieren. Hier hat er in Farbe umgesetzt, was der Richter der Welt einmal sprechen wird, das für uns unfassbare Wort: "Hinweg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist."
(Mt 25, 41).

Das große Westfenster in der Felizitaskirche endet oben in einem Spitzbogen, der durch ein üppiges Maßwerk ausgefüllt ist. Das Maßwerk  lässt kleinere und größere, teils eckige, teils runde Öffnungen frei, die mit Glasmalereien ausgefüllt sind. So sehen wir in der unteren Reihe vier kleine, fast quadratische Öffnungen, in denen die Sonne, Alpha und Omega und der Mond dargestellt sind. In der Reihe darüber erscheinen sechs Gestalten des Alten Testamentes, Propheten und Könige, und zwar Daniel, König David. Amos, König Salomon, Isaias und Joel. Alle zeigen Spruchbänder, auf denen sie bestimmte Stellen in ihren Schriften angeben, die sich auf das Gericht Gottes beziehen. Schließlich erscheinen in der obersten Reihe nochmal vier Bilder, wieder zwei Gestalten mit Spruchbändern und dazwischen zwei Engel mit Lilien bzw. mit Schwert und Waage.

Das große Bild  vom Weltgericht, das sich über dem Turmportal vor unseren Augen erhebt, zeigt eine wohlüberlegte Komposition. Der Weltenrichter zusammen mit der Gottesmutter vor einem hellen Hintergrund. umgehen von einem Kreis, der hier die Mandorla (mandelförmiger Heiligenschein) vertritt, bildet eindeutig den Mittelpunkt. Der Chor der Apostel und die Engel mit den Leidenswerkzeugen über ihnen verkörpern die himmlische Welt, während sich zu Füßen Jesu und Mariä auf Erden das Gericht, die Scheidung der Seligen und der Verdammten vollzieht. Auch die schon erwähnte symmetrische Ordnung auf den beiden Fensterhälften  trägt zum Aufbau des Gesamtbildes bei. Der Ordnungswille des Künstlers ist nicht zu übersehen. So wird die Fülle der Personen und der einzelnen Szenen zu einen harmonischen Ganzen vereinigt.

Das große Gemälde wirkt am stärksten bei der Nachmittags- und Abendsonne. Darin leuchten die Farben. Wenn der  Kirchenbesucher das Gotteshaus verlässt, mag ihn sein Blick auf den Weltenrichter und sein Gericht an die kommende Welt erinnern.
 

Ausschnitte, während der Innenrenovierung der Kirche 2014 vom Gerüst aufgenommen